Wo finden Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen Hilfe? Wie spreche ich mit meiner Mutter, wenn sie dieselbe Frage immer wieder stellt? Und was passiert, wenn ich die Betreuung selbst nicht mehr schaffe? Mechthild Guthke, Koordinatorin für Menschen mit Delir und Demenz am Städtischen Klinikum Görlitz, kennt diese Fragen aus ihrer täglichen Arbeit. Im Interview spricht sie über Unterstützung im Alltag und Entlastung für Angehörige. Im Rahmen unserer Kampagne „Demenz früher erkennen“ beantwortet sie am 24. September auch bei einer Telefonaktion Fragen.

Frau Guthke, das Thema Demenz macht vielen Menschen Angst. Was möchten Sie ihnen mitgeben?
Die Sorge ist verständlich. Wer bei sich selbst oder einem nahestehenden Menschen Gedächtnisprobleme bemerkt, fragt sich: Was kommt da auf uns zu? Gerade dann ist es wichtig, mit diesen Gedanken nicht allein zu bleiben. Mit unserer Kampagne möchten wir Orientierung geben: Was ist noch normale Vergesslichkeit? Wann sollte ich genauer hinschauen? Und wo bekomme ich Hilfe? Nicht jede vergessene Verabredung bedeutet Demenz. Aber wer das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt, sollte es ansprechen und ärztlich abklären lassen. Die neuen Behandlungsmöglichkeiten bei früher Alzheimer-Krankheit geben dafür einen zusätzlichen Anlass. Und unabhängig davon, welche Behandlung infrage kommt: Wir können da sein, beraten, begleiten und Angehörige entlasten.
Sie beschäftigen sich seit rund 15 Jahren intensiv mit dem Thema. Wie kam es dazu?
Ältere Menschen lagen mir schon als junge Krankenschwester besonders am Herzen. Mich hat interessiert, wer der Mensch vor mir ist, was er braucht und wie ich ihm gerecht werden kann. Dafür braucht man Einfühlungsvermögen und Geduld – und die Bereitschaft, sich auf jemanden einzulassen, auch wenn manches länger dauert oder anders läuft als gewohnt. Die Pflegedirektion unseres Klinikums hat früh erkannt, dass Menschen mit Demenz im Krankenhaus besondere Unterstützung benötigen, und dafür eine Stelle geschaffen. Diese Aufgabe war wie für mich gemacht.
Was macht einen Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Demenz besonders schwierig?
Zu Hause ist vieles vertraut: die Räume, die Menschen, die täglichen Abläufe. Im Krankenhaus sind plötzlich andere Menschen da, die Umgebung ist fremd. Das kann sehr verunsichern.
Manchmal fallen Gedächtnis- oder Orientierungsprobleme auch erst hier deutlicher auf. Zu Hause haben sich Angehörige vielleicht nach und nach darauf eingestellt und vieles übernommen, ohne groß darüber zu sprechen.
Deshalb brauchen wir ihr Wissen: Was beruhigt die Mutter? Welche Gewohnheiten sind dem Vater wichtig? Was hilft ihm, sich zurechtzufinden? Angehörige kennen den Menschen hinter der Erkrankung. Das ist für uns sehr wertvoll. Gleichzeitig müssen Auffälligkeiten im Krankenhaus sorgfältig abgeklärt werden. Sie bedeuten nicht automatisch Demenz.
Mit welchen Fragen kommen Angehörige zu Ihnen?
Oft geht es um Situationen, die sich jeden Tag wiederholen: Wie spreche ich mit meiner Mutter, wenn sie mich immer wieder dasselbe fragt? Was kann ich zu Hause verändern, damit mein Vater besser zurechtkommt? Andere sorgen sich, weil ihr Partner immer wieder das Haus verlassen möchte. Oder sie wissen nicht weiter, weil sich das Essverhalten verändert oder Dinge versteckt werden.
Dann schauen wir gemeinsam: Was genau ist schwierig? Was könnte den Alltag erleichtern? Welche Hilfe braucht diese Familie? Es gibt keine Lösung, die für alle passt. Deshalb ist Zuhören ein wichtiger Teil meiner Arbeit.
Was belastet Angehörige besonders?
Viele kümmern sich über Jahre und übernehmen einen großen Teil der Betreuung und Pflege. Dabei sind sie oft selbst schon älter oder gesundheitlich eingeschränkt. Eine über 60-jährige Tochter, die ihre 90-jährige Mutter versorgt, hat vielleicht selbst ein langes Arbeitsleben hinter sich und nicht mehr die Kraft, die sie gern hätte.
Und es ist ja nicht nur die körperliche Anstrengung. Es tut weh, wenn sich ein vertrauter Mensch verändert, anders reagiert als früher oder einen vielleicht nicht mehr erkennt. Man möchte helfen und weiß manchmal nicht, wie. In diese Situation müssen Angehörige erst hineinfinden – und sich immer wieder neu darauf einstellen.
Und wenn die Versorgung zu Hause nicht mehr zu schaffen ist?
Dann darf man Hilfe annehmen. Das ist mir sehr wichtig. Ich erlebe häufig, dass Angehörige ein schlechtes Gewissen haben, obwohl sie längst an ihren körperlichen oder seelischen Grenzen sind. Sie möchten weiter für den Menschen da sein, schaffen aber die Pflege nicht mehr allein. Auch eine Pflegeeinrichtung kann dann eine gute und verantwortungsvolle Entscheidung sein. Man lässt einen Menschen damit nicht im Stich. Man bleibt Tochter, Sohn oder Partner – auch wenn andere die tägliche Pflege übernehmen. Natürlich sind solche Entscheidungen nicht leicht. Dazu kommen oft finanzielle Sorgen. Auch deshalb sollten Familien mit diesen Fragen nicht allein bleiben.
Eine Demenz verändert sich im Verlauf. Kann trotzdem eine gute Versorgung gelingen?
Ja. Die Unterstützung muss sich mit den Bedürfnissen verändern. Was heute funktioniert, reicht später vielleicht nicht mehr aus. Dann muss neu geschaut werden: Was braucht der erkrankte Mensch jetzt? Was können die Angehörigen leisten? Und wo brauchen sie Entlastung? Auch bei fortgeschrittener Demenz kann eine gute Versorgung gelingen. Zuwendung, vertraute Beziehungen und das Gefühl, ernst genommen zu werden, bleiben wichtig. Der Mensch ist ja weiterhin da – mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen.
Hat sich der Umgang mit Demenz in den vergangenen Jahren verändert?
Mein Eindruck ist, dass Angehörige heute besser informiert sind. Vorträge, öffentliche Aktionen und das Internet tragen dazu bei. Man hört häufiger von Demenz, spricht eher darüber. Das ist eine gute Entwicklung. Trotzdem ist es etwas anderes, wenn es die eigene Familie betrifft. Man kann viel gelesen haben und sich trotzdem hilflos fühlen, wenn die Mutter oder der Partner sich verändert. Dann braucht es jemanden, mit dem man über die eigene Situation sprechen kann.
Wer kann bei Ihrer Telefonaktion anrufen?
Alle, die Fragen zu Demenz haben oder im Alltag mit einem erkrankten Angehörigen Unterstützung suchen. Niemand muss dafür schon genau wissen, welche Hilfe er braucht. Es kann darum gehen, wie man miteinander spricht, mit verändertem Verhalten umgeht oder welche Hilfsmittel infrage kommen. Auch Fragen zur Fahrtauglichkeit oder dazu, an wen man sich wenden kann, können wir aufgreifen.
Eine Diagnose stellen oder die Fahrtauglichkeit beurteilen können wir am Telefon nicht. Aber wir können gemeinsam die Fragen sortieren und besprechen, was ein nächster Schritt sein könnte.
Was wünschen Sie sich im Umgang mit Menschen mit Demenz und ihren Familien?
Dass wir mehr aufeinander achten – auch zwischen den Generationen. Dass wir sehen, wenn jemand Hilfe braucht, und nicht voraussetzen, dass die Familie schon alles auffangen wird. Angehörige leisten sehr viel. Auch sie brauchen jemanden, der fragt: Wie geht es Ihnen eigentlich? Mehr Verständnis, Geduld und gegenseitige Unterstützung würden vielen Familien helfen.
Telefonaktion am 24. September 2026
Von 11 bis 16 Uhr beantwortet Mechthild Guthke unter 03581 37-3106 allgemeine Fragen zu Demenz und Unterstützungsmöglichkeiten.
Weitere Informationen zur Kampagne „Demenz früher erkennen“: www.klinikum-goerlitz.de/demenz



