Seit der Gründung der Traumaambulanz am Klinikum Görlitz Anfang 2024 zeigt sich ein deutliches Muster: Viele Betroffene suchen nicht nur wegen einzelner körperlicher Übergriffe Hilfe, sondern weil sie in narzisstisch-toxischen Beziehungen gefangen sind. Hinter den Anmeldungen verbergen sich oft komplexe Dynamiken – ein Zusammenspiel aus körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt, häufig im Kontext häuslicher Beziehungen. Gerade weil dieses Thema so stark in den Vordergrund getreten ist, haben wir mit Katharina Möbius, Psychologischer Psychotherapeutin und Leiterin der Traumaambulanz, gesprochen.
Frau Möbius, was versteht man unter einer narzisstisch-toxischen Beziehung?
Eine narzisstisch-toxische Beziehung ist eine Partnerschaft, in der eine Person dauerhaft Macht und Kontrolle über die andere ausübt – meist auf subtile, manipulative Weise. Es geht nicht um alltägliche Konflikte, die in jeder Beziehung vorkommen, sondern um ein anhaltendes Muster emotionaler Ausbeutung und psychischer Gewalt, das oft auch mit körperlicher oder sexualisierter Gewalt verbunden ist. Typisch ist, dass der Missbrauch zunächst im Verborgenen geschieht – hinter verschlossenen Türen, während nach außen ein Bild von Harmonie aufrechterhalten wird. Viele Betroffene erkennen anfangs gar nicht, dass sie Gewalt erfahren, weil diese sich schleichend entwickelt und oft sehr subtil ist. Ziel ist es, Abhängigkeit zu erzeugen: indem die Betroffenen von Unterstützung isoliert, ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt und Stück für Stück ihrer Unabhängigkeit genommen werden. Das schwächt langfristig beispielsweise Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen erheblich.

Woran erkennt man, dass eine Beziehung nicht nur schwierig, sondern tatsächlich toxisch ist?
Ein wichtiger Hinweis ist, wenn eine Beziehung mehr Kraft raubt, als sie gibt. Wenn man ständig Angst hat, etwas Falsches zu sagen, sich kleiner macht, um Streit zu vermeiden oder wenn Schuldzuweisungen, Demütigungen und Kontrolle den Alltag bestimmen. Auch das Infragestellen der eigenen Wahrnehmung gehört dazu. Das sind klare Anzeichen dafür, dass die Beziehung nicht mehr gesund ist, sondern toxische Strukturen aufweist. Ein erstes Warnsignal kann sogar schon zu Beginn erkennbar sein: wenn alles übertrieben wirkt – zu viele Komplimente, überbordende Aufmerksamkeit, ein Zuviel an Nähe und gemeinsamer Zeit. Später zeigt sich dann oft, dass sich das Machtgleichgewicht dauerhaft verschiebt.
Gibt es typische Verhaltensmuster oder Warnsignale?
Ja, es gibt typische Muster und Warnsignale. Am Anfang steht häufig das sogenannte Lovebombing: Die Betroffenen werden überhäuft mit Aufmerksamkeit, Geschenken, Komplimenten und Liebesbekundungen. Alles wirkt zunächst perfekt – als hätte man jemanden gefunden, der einen ganz und gar versteht. Doch dieses anfängliche Zuviel kippt im Laufe der Beziehung: Aus Zuwendung werden Kontrolle, Kritik und Abwertung.
Psychische Gewalt ist dabei besonders vielschichtig. Sie reicht von Manipulationen, Demütigungen, Beleidigungen oder tagelangem Schweigen als Strafe bis hin zu subtilen Formen wie dem sogenannten Gaslighting, also dem Infragestellen oder Verdrehungen der Wahrnehmung, sodass die Betroffenen am Ende selbst an ihrem Erleben zweifeln. Es werden Schuldgefühle erzeugt, Informationen vorenthalten, Drohungen ausgesprochen oder vermeintlich spaßige Bemerkungen auf Kosten des Partners gemacht. Viele erleben auch übermäßige Kontrolle – durch Nachspionieren, Eifersucht, Tracking oder Verbote. Immer wieder berichten Betroffene, dass sie das Gefühl haben, nie gut genug zu sein.
Körperliche Gewalt zeigt sich nicht nur in offensichtlichen Formen wie Schlägen oder Tritten. Auch vermeintlich „harmlose“ Situationen gehören dazu, etwa Würgen bei sexuellen Praktiken, aggressives Rangeln im Spaß, gefährliches Autofahren, Anspucken oder das Verstellen des Weges.
Hinzu kommt sexualisierte Gewalt, die von Belästigungen über unerwünschte Praktiken bis hin zu Vergewaltigungen reicht – teilweise auch, während die Betroffenen schlafen.
Wichtig ist außerdem die sogenannte soziale Gewalt: Die Partnerin oder der Partner isoliert die Betroffenen zunehmend von ihrem Umfeld, indem Freunde oder Angehörige schlechtgeredet werden, Treffen sabotiert oder Ausraster provoziert werden, bis die Betroffenen irgendwann kaum noch Lust haben, Kontakte zu pflegen.
Auch finanzielle Gewalt ist ein bekanntes Muster. Dazu gehören ungerechte Kostenverteilungen, der Entzug eigener Konten oder das Verheimlichen von Geld und Schulden.
Diese Formen von Gewalt treten selten isoliert auf. Meist greifen sie ineinander und verstärken sich gegenseitig. Gerade, weil vieles sehr subtil beginnt, erkennen viele Betroffene erst spät, dass sie in einer toxischen und gefährlichen Dynamik gefangen sind.
Welche Folgen kann psychische Gewalt haben?
Psychische Gewalt ist oft genauso schwerwiegend wie körperliche – manchmal wird sie von Betroffenen sogar als belastender erlebt. Nach außen sind die Spuren meist unsichtbar, doch die Folgen können tiefgreifend und langanhaltend sein.
Schon während der Beziehung geraten Betroffene zunehmend in Abhängigkeit, verlieren Kontakte und isolieren sich sozial. Dadurch fehlt ihnen der „Gegenwind“ von außen, und die Kontrolle des gewaltausübenden Partners verstärkt sich. Gleichzeitig beginnt ein schleichender Prozess: Viele zweifeln an ihrer Wahrnehmung, ihrem Urteilsvermögen und schließlich auch an sich selbst. Das Selbstwertgefühl bricht ein, Vertrauen in andere schwindet, die innere Sicherheit geht verloren.
Die Folgen reichen von Schlafstörungen, Ängsten, Panikattacken und Depressionen bis hin zu typischen Traumafolgesymptomen. Dazu gehören zum Beispiel Flashbacks, anhaltende innere Anspannung oder das Gefühl ständiger Unsicherheit. Viele entwickeln körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Magenprobleme oder chronische Erschöpfung – ein deutliches Zeichen dafür, wie eng Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Viele Betroffene sind langfristig erheblich in ihrer psychischen und körperlichen Widerstandskraft geschwächt.

Warum fällt es vielen so schwer, diese Beziehung zu beenden?
Das liegt an der Dynamik dieser Beziehungen. Es gibt Phasen, in denen Zuwendung, Versöhnung und Nähe gezeigt werden. Diese „guten Zeiten“ nähren die Hoffnung, dass es wieder so werden könnte wie am Anfang. Gleichzeitig ist das Selbstwertgefühl oft so geschwächt, dass die Betroffenen sich kaum zutrauen, allein zurechtzukommen. Die wechselnden Signale halten die emotionale Bindung aufrecht.
Hinzu kommt, dass viele Betroffene über die Zeit gezielt abhängig gemacht wurden – emotional, sozial und manchmal auch finanziell. Nicht selten spielen auch Ängste eine Rolle: Angst vor dem Ungewissen, vor dem Alleinsein, aber auch existentielle Ängste bis hin zur Furcht, eine Trennung nicht zu überleben.
Ein weiterer Grund, der immer wieder genannt wird, sind gemeinsame Kinder. Viele bleiben in der Beziehung aus Sorge, die Kinder nach einer Trennung zu verlieren oder sie durch einen Konflikt zusätzlich zu belasten.
Leider sind diese Ängste nicht nur subjektiv, sondern oft auch real begründet. All das macht es für Betroffene extrem schwer, den Schritt in die Trennung zu gehen.
Erleben Männer und Frauen das unterschiedlich?
Die Mechanismen sind im Kern ähnlich – Macht, Kontrolle und Abwertung können beide Geschlechter betreffen. Statistisch sind zwar häufiger Frauen betroffen, aber auch Männer erleben solche toxischen Beziehungen. Für sie ist die Hürde, darüber zu sprechen oder sich Hilfe zu holen, oft noch größer. Viele Männer haben Angst, nicht ernst genommen zu werden, und schämen sich zusätzlich: ‚Mir als Mann passiert so etwas?‘ – diese Gedanken hindern sie, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Was sind erste Schritte, wenn man den Verdacht hat, in einer narzisstisch-toxischen Beziehung zu sein?
Darüber reden – am besten mit einer Person, die nicht Teil des Problems ist. Das kann eine vertrauensvolle Freundin, ein Freund oder auch eine Beratungsstelle sein. Es hilft, Situationen aufzuschreiben, um klarer zu sehen, was da eigentlich passiert.
Es hilft, Situationen aufzuschreiben, um klarer zu sehen, was da eigentlich passiert.
Das kann der erste Schritt sein, wieder mehr Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen. Wichtig ist außerdem, sich Wissen anzueignen – über Dynamiken toxischer Beziehungen, über Beratungs- und Hilfsangebote. Das sollte aber unbedingt im geschützten Rahmen und möglichst unbemerkt vom Partner geschehen, damit kein zusätzlicher Druck oder neue Gefahren entstehen.
Welche Unterstützung bietet die Traumaambulanz?
Wir bieten ein zeitnahes Erstgespräch an, um zu schauen, wo die betroffene Person gerade steht und was sie braucht. Gemeinsam überlegen wir, welche Unterstützung passt. Neben der Einzeltherapie planen wir auch ein Gruppenangebot, um die Zeit bis zur Behandlung zu überbrücken, Stabilität zu geben und den Austausch mit anderen Betroffenen zu ermöglichen.
In der Traumaambulanz können wir nicht grundsätzlich alle Betroffenen narzisstisch-toxischer Beziehungen behandeln. Ziel ist die Verarbeitung von Gewalterlebnissen – dazu gehört auch erhebliche psychische Gewalt.
Wichtig ist mir zu betonen: In der Traumaambulanz können wir nicht grundsätzlich alle Betroffenen narzisstisch-toxischer Beziehungen behandeln. Ziel ist die Verarbeitung von Gewalterlebnissen – dazu gehört auch erhebliche psychische Gewalt. Betroffene, die innerhalb der vergangenen 12 Monate erhebliche Gewalt erlebt haben oder bei denen alte Gewalterfahrungen wieder aufgebrochen sind, können sich in der Traumaambulanz vorstellen. Häufig zeigt sich dabei, dass dies im Rahmen häuslicher oder narzisstisch-toxischer Beziehungen geschehen ist – etwa durch Würgen, sexuellen Missbrauch oder Bedrohungen.
Insgesamt können bis zu 15 Stunden Einzeltherapie erfolgen, auch wenn das im Vergleich zu dem, was Betroffene oftmals brauchen, nicht immer ausreicht. Gleichzeitig ist es ein wertvoller Start in den Prozess.
Von großer Bedeutung ist außerdem, dass Betroffene Wissen über die Dynamik solcher Beziehungen gewinnen – zum Beispiel durch Lesearbeit oder Podcasts. Das erleichtert das Verstehen und hilft insbesondere, Schuldgefühle zu bewältigen.
Darüber hinaus verweisen wir auf weitere Anlaufstellen wie das Interventions- und Koordinierungszentrum (IKS) oder ambulante Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die eine langfristige Begleitung übernehmen können.
Wie kann das Umfeld helfen?
Am Wichtigsten ist, zuzuhören und ernst zu nehmen, was die betroffene Person erzählt. Gut gemeinte Ratschläge wie „Dann geh doch einfach“ wirken oft überfordernd. Besser ist es, Angebote zu machen – zum Beispiel, bei einem ersten Beratungsgespräch zu begleiten – und die Person in ihrem Tempo zu unterstützen. Ein stabiles, sicheres Umfeld ist entscheidend. Dazu gehört, die soziale Isolation zu durchbrechen, Kontakt zu halten und zu signalisieren: ‚Ich bin da, und du kannst dich öffnen, ohne verurteilt zu werden.‘ Gerade nach einer Trennung ist es besonders wichtig, Betroffene aufzufangen und ihnen Halt zu geben.
Zudem hilft es, die Betroffenen zu ermutigen, ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen wiederzuentdecken. Dabei darf man nicht vergessen: Viele teilen sich nur eingeschränkt mit – aus Angst, aus Scham oder weil sie an sich selbst zweifeln und sich die Schuld geben, in der Beziehung geblieben zu sein. Umso wertvoller ist es, wenn das Umfeld Geduld hat, Verständnis zeigt und sich vielleicht sogar selbst informiert, um die Dynamik besser zu verstehen.
Welche Rolle spielt Aufklärung?
Eine sehr große. Viele Betroffene erkennen die Dynamik erst, wenn sie darüber lesen oder hören. Deshalb sind Informationskampagnen, Veranstaltungen und Medienberichte so wichtig – sie können der erste Anstoß sein, Hilfe zu suchen.
Was motiviert Sie persönlich, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Mich beeindruckt, wie viel Kraft Menschen haben können, selbst wenn sie sich gerade verloren fühlen. Wenn wir in der Ambulanz miterleben dürfen, wie sie Stück für Stück wieder Stabilität und Selbstvertrauen gewinnen, dann weiß ich, warum ich diese Arbeit mache. Dieses Miterleben gibt auch mir das Gefühl, therapeutisch wirksam zu sein und wirklich etwas bewirken zu können.
Dass so viele Betroffene den Weg zu uns finden – deutlich mehr, als ich anfangs erwartet hätte – motiviert mich zusätzlich. Es zeigt, wie groß der Bedarf ist, und macht die Arbeit zugleich sehr sinnvoll.
Welche Erfahrungen aus ihrer Arbeit haben Sie besonders berührt?
Besonders bewegend ist es, wenn Menschen, die zunächst sehr verunsichert, traurig, erschöpft oder beschämt zu uns kommen, nach einigen Monaten wieder Hoffnung schöpfen. Das zeigt mir jedes Mal, wie wichtig es ist, dass es diese Angebote gibt.
Berührend ist für mich auch, was Betroffene erlebt haben – und oft ist das, was sie anfangs berichten, nur die Spitze des Eisbergs. Es braucht großen Mut, sich zu öffnen und uns so persönliche Dinge anzuvertrauen. Dieses Vertrauen empfinde ich als sehr wertvoll.
Viele Betroffene berichten, dass es ihnen hilft, bei uns eine sichere Anlaufstelle zu haben: einen Ort, an dem sie erzählen können, was sie so noch nie gesagt haben, ohne verurteilt zu werden. Sie erleben, dass sie nicht allein sind, nicht schuld sind – und spüren Erleichterung, loslassen zu können. Auch davon sind viele berührt und dankbar. Zum Abschluss ist mir wichtig zu betonen: Auch wenn wir hier über narzisstisch-toxische Beziehungen sprechen, die Traumaambulanz ist für alle Menschen da, die Gewalt erlebt haben – ob körperlich, psychisch oder sexualisiert. Wir bieten Unterstützung und einen geschützten Raum, um über das Erlebte zu sprechen und gemeinsam Wege zur Stabilisierung zu finden.
Die Traumaambulanz richtet sich an Erwachsene. Sie ist erreichbar von Montag bis Freitag, 8–12 Uhr und 13–14:30 Uhr, unter ☎️ 03581 37-1964 oder ✉️ traumaambulanz@klinikum-goerlitz.de. Fahrtkosten können vom Kommunalen Sozialverband Sachsen übernommen werden.




