Erlebnis Demenzsimulator – Erschöpft wie nach einer dreistündigen Matheklausur

Studentin Selina absolviert derzeit ein Praktikum im Städtischen Klinikum Görlitz. Die Teilnahme an dem interaktiven Demenzsimulator „hands-on-dementia“ hat sie beeindruckt. Über ihr Erlebnis Demenzsimulator berichtet sie:

Im Rahmen meines Praktikums im Städtischen Klinikum Görlitz hatte ich die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in das Alltagsleben eines Menschen mit Demenz zu erhaschen. Hierbei wurde mir erst richtig bewusst, wie frustrierend das Leben mit Demenz sein kann.

Mechthild Guthke, Koordinatorin für Menschen mit Demenz im Klinikum, organisierte einen Demenzsimulator, der interessierten Besuchern und Mitarbeitenden anhand von 13 Stationen die Symptome des kontinuierlichen Vergessens zum Ausdruck bringen sollte. „Durch das Erleben der eigenen intensiven Emotionen entwickelt sich ein besseres Verständnis für den Erkrankten. Und es ist gerade in den schwierigen Situationen des Alltags enorm hilfreich und entlastend, Menschen mit Demenz mit mehr Empathie zu begegnen“, sagte Mechthild Guthke.

Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit sind beeinträchtigt

An jeder Station gab es einen Text, der das Leben von Frau Müller beschrieb und auch, welche Auswirkungen die Demenz auf ihr Leben hat. Es wurde erklärt, dass Demenz eine Krankheit ist, bei der das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit beeinträchtigt sind. Später vergessen Betroffene auch Inhalte des Langzeitgedächtnisses. Dadurch werden Fertigkeiten und Fähigkeiten, wie das Anziehen von Kleidung, das Schreiben von Wörtern oder auch das Kochen verlernt. In Deutschland leiden derzeit ungefähr 1,8 Millionen Menschen an Demenz.

Das war nach kurzer Zeit auch sehr frustrierend.

Selina über den Autofahr-Simulator

Dann ging es für mich auch schon zur ersten Situation. Zunächst war ich überrascht, da es hier um das Thema Autofahren ging. Ich würfelte eine Zahl, welche eine Sehenswürdigkeit auf einer Karte vor mir darstellen sollte. Nun musste ich über einen Spiegel ein kleines Spielzeugauto zu der Attraktion fahren und stellte schnell fest, dass dies gar nicht so einfach war! Mehrmals verließ ich die Straße, da ich links und rechts, sowie vorn und hinten verwechselte und brauchte teilweise so lange, dass ich vergaß, zu welcher Sehenswürdigkeit ich überhaupt fahren wollte. Das war alles schwer zu koordinieren und nach kurzer Zeit auch sehr frustrierend.

Von wegen einfach: das Spielzeugauto wollte nicht so wie Selina. Fotos: Mechthild Guthke

Als nächste alltägliche Situation wurden verschiedene Stationen zum Thema Essen angeboten. Ich stellte mich der neuen Aufgabe verschiedenfarbige Papierknäule mit Messer und Gabel durch einen Spiegel auf Teller zu transportieren. Und auch hier stellte ich fest, dass nichts so funktionierte, wie ich es wollte.

Ich verwechselte Richtungen, vergaß, welches Essensteil auf welchen Teller muss und war richtig erschöpft, als ich schlussendlich nach 15 Minuten drei Teller  bedeckt hatte. Langsam war ich etwas genervt und widmete mich nun einem anderen Thema, in welchem ich normalerweise sehr gut bin: dem Schreiben.

Selbstbewusst setzte ich mich an den Tisch und begann, mir die Geburtstage meiner fiktiven Freunde einzuprägen. Thomas hat am 15.05. Geburtstag, Brigitte am 24.11. und Björn am 27.02.. Nachdem ich versucht hatte, mir alles zu merken, bekam ich meine Aufgabe: Eine Geburtstagskarte für die Person zu malen, welche als nächstes Geburtstag hat. „Mist, wer war das noch gleich?“, war mein erster Gedanke. Ich schrieb für Thomas eine Geburtstagskarte und hatte Schwierigkeiten einfache Wörter, wie „Alles Gute“, durch einen Blick in den Spiegel zu schreiben. Am Ende war ich jedoch zufrieden mit meiner Leistung, bis ich feststellte, dass ich Susannas Geburtstag am 20.04. vergessen hatte.

Jetzt waren bereits eineinhalb Stunden vergangen und ich war erschöpft, wie nach einer drei Stunden Klausur in Mathe. Ich brauchte nun dringendst eine Auszeit und beobachtete die anderen Besucher der Demenzsimulation. Jeder war sichtlich frustriert und hatte Probleme beim Erfüllen der Aufgaben und doch musste jeder auch einmal über die eigene Schusseligkeit lachen, sodass eine lockere, angenehme Atmosphäre im Raum herrschte.

Ich habe gelernt, dass bei dieser Krankheit Geduld und Empathie an oberster Stelle stehen.

Selina, nachdem sie alle 13 Stationen absolviert hat

Schlussendlich bin ich sehr froh, dass ich diesen Einblick in das Leben eines Menschen mit Demenz erfahren durfte. Ich habe gelernt, dass bei dieser Krankheit Geduld und Empathie an oberster Stelle stehen und dass man auch Humor mitbringen sollte, da es auch öfters zu lustigen Situationen kommen kann.

Der Umgang mit Demenzpatienten ist längst Alltag im Städtischen Klinikum Görlitz

Das Städtische Klinikum Görlitz hat sich als demenzsensibles Krankenhaus auf die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten mit kognitiven Einschränkungen spezialisiert. Seit 2013 engagiert sich Mechthild Guthke leidenschaftlich als Demenzkoordinatorin um die Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen Patienten mit Demenz, Angehörigen, Pflegekräften, Ärzten, Demenzbeauftragten, Stationen und Kliniken sowie allen weiteren beteiligten Bereichen wie der Küche, der Reinigung, dem Wachschutz und dem Patientenversorgungstransport. Das Klinikum bietet pflegerisch und medizinisch eine umfassende Unterstützung sowie spezielle Maßnahmen, um den Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Demenz so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu gehören geschultes Personal in allen Bereichen (Demenzbeauftragte), Orientierungshilfen, um sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden, sowie Alltagsgegenstände zur Beschäftigung, sogenannte Demenzboxen, verschiedene Pflegetherapien wie Aromatherapie oder die Kinästhetik, wodurch die Patienten mit Demenz sowohl physisch als auch emotional angeregt werden sollen. Auch leistet das Klinikum viel Aufklärungsarbeit rund um das Thema Demenz, von Aktionswochen über viele fachspezifische Vorträge bis hin zu Flyern.

Mehr Informationen gibt es auf unserer Homepage: Mit Demenz im Krankenhaus